Prisma
Deutsches Abendbrot für Schanghai
Zwei Bremer betreiben in der chinesischen Großstadt die erste deutsche Bäckerei

Die Bäckereien/Konditoreien in den chinesischen Metropolen produzieren (fast) alles, was das (europäische) Herz begehrt. Foto: Stecher
Während seiner 13 Monate als Ingenieur in China hatte er vor allem eins vermisst: es gibt kein Brot in Schanghai, jedenfalls keins, wie er es aus Deutschland kannte. Genau diese Marktlücke wollte er schließen und orderte in Deutschland das komplette Inventar für eine Backstube inklusive 21,5 Tonnen Mehl. Fehlte nur noch ein Bäcker. Zunächst suchte Karl-Heinz Tenne vergeblich im Internet. Dann inserierte er in seiner Heimatzeitung. Nun steht Horst Schultz in der Backstube am Stadtrand der Wirtschaftsmetropole, knetet Teig und schiebt die Brötchen in den Ofen.
Lieferung vor die Haustür
„Das ist mein dritter Neuanfang“, schmunzelt der groß gewachsene Norddeutsche. 14 Jahre hatte der Bäckermeister sein eigenes Geschäft im Bremer Norden, bis ihm die deutsche Bürokratie den letzten Nerv raubte. Schultz packte seine Koffer. Zunächst ging er als Entwicklungshelfer nach Ghana. Nun backt der 44-jährige Brötchen in Schanghai – 800 Stück jede Nacht, dazu 120 Brote. Ein paar Brocken Mandarin hat der Bremer Bäckermeister schon gelernt. Ansonsten versucht er mit Händen und Füßen, seine Helfer anzulernen. Inzwischen produziert „Abendbrot“ (www.abendbrot.com.cn) – so haben die beiden Bremer ihre deutsche Bäckerei in Schanghai genannt – fast das gesamte deutsche Backwarensortiment, vom Milchbrötchen bis zum Vollkorn-Schwarzbrot, von der Laugenbrezel bis zur Schwarzwälder Kirschtorte.
Was Schultz backt, liefert Tenne aus. Rund 25 sogenannte Compounds, Wohnsiedlungen für Ausländer, in denen auch viele Deutsche leben, stehen auf dem täglichen Tourenplan. Jeden Mittwoch Morgen fährt Karl-Heinz Tenne mit dem Lieferwagen quer durch die 20-Millionen-Metropole nach Pudong, dem futuristischen Stadtteil mit seinen gewaltigen Wolkenkratzern. Zwei Stunden lang verkauft er dann in der deutschen Handelskammer Brot, Brötchen und Kuchen an deutsche Unternehmer und Werksvertreter. Zudem haben sie ein erstes Ladengeschäft eröffnet, ideal gelegen gegenüber der deutsch-französischen Schule. Wenn die Mütter ihre Kinder abholen, kommen sie direkt bei „Abendbrot“ vorbei.
Der Aufbau des eigenen Unternehmens fordert den ganzen Einsatz von Karl-Heinz Tenne und Horst Schultz. „Wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen, aber wir sind auf einem ganz guten Weg“, meint Tenne. Denn noch haben sie längst nicht den gesamten Markt erschlossen. Rund 8000 Deutsche – so schätzt das deutsche Konsulat – leben in und um Schanghai. Dazu kommen noch einige hundert Österreicher und Schweizer, alles potenzielle Käufer für das deutsche Abendbrot.
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