Blickpunkte
Bewegte Zeiten
Gerd Wohlschlegel blickt auf 30 Jahre im Dienste des saarländischen Bäckerhandwerks zurück: Ende April nimmt der Geschäftsführer des Bäckerinnungsverbandes seinen Abschied und erinnert sich an wichtige Weichenstellungen, herausragende Aktionen und auch an die schwierigen Entwicklungen während seiner Amtszeit
„Am 15. März 1980 wurde ich vom damaligen geschäftsführenden Vorstand des Bäckerinnungsverbandes Saarland e.V. (Landesinnungsmeister Max Putze und stellv. LIM Horst Rodrian) als Geschäftsführer des Verbandes und den 9 Innungen eingestellt. Damals waren es bewegte Zeiten, ich erinnere mich z. B. an die Proteste gegen Backwareneinfuhren aus Frankreich oder die Diskussionen über das Nachtbackverbot, das schließlich 1996 fiel. Nach Max Putze folgte 1984 Erich Fries als Landesinnungsmeister, im Jahr 1998 der amtierende LIM Roland Schäfer.
1980 war unser Büro in der Stengelstraße 1, Haus Deutscher Herold, damals hatten wir 9 Innungen (bis 06.03.1987, Saarbrücken Land-Ost fusionierte mit Saarbrücken Stadt), 2000 kam es zur Fusion zu 4 Innungen, und jüngst im Jahr 2010 erfolgte die Fusion zur Landesinnung.
Bei je einer Frühjahrs- und Herbstversammlung fanden in diesen 30 Jahren wohl 376 Versammlungen bei den Innungen und 60 beim Bäckerinnungsverband statt; dazu viele Seminare, gesellschaftliche Veranstaltungen wie Ausflüge, Wandertage, Radtouren und Bäckerbälle. Dies war eine aufregende aber auch aufreibende Zeit, die viel Engagement abverlangte. Uns allen gelang es in diesen 30 Jahren trotzdem nicht, dass wir 63 Prozent aller Bäckereien und zwei Drittel aller Mitglieder verloren haben: Zum Jahresanfang 2010 gab es noch 289 Bäckereien und 218 Mitglieder. 1980 zählten wir 768 Bäckereien und davon 673 Mitgliedsbetriebe.
In zahlreichen Aktionen haben wir auf unser Handwerk und auch auf unsere Sorgen des schwindenden Anteils am Markt aufmerksam gemacht: Hier eine Liste mit wichtigen Stationen: 13 mal die Ausstellung „Welt der Familie“ durchgeführt, mit SR 3, dem saarländischen Rundfunk, Radiosendungen wie „Weck, Wurscht unn Witz“ und „Lyoner und Weck“, Einführung des SR 3-Brotes, Lyonerbrot zu Gunsten von hochwassergeschädigten Bäckern im Osten, Einführung des Tour-Brotes, des Barock-Brotes zu Gunsten der Schlosskirche Blieskastel; Aktionen in Zusammenarbeit mit den Volksbanken und Raiffeisenbanken wie „Kross und lecker – von Konditor und Bäcker“, in Zusammenarbeit mit den saarländischen Sparkassen: „Brot und Wein“. Nicht zu vergessen, unsere Erntedankmesse in der Basilika St. Johann, die wir im 2-Jahres-Rhythmus seit vielen Jahren mit Chören und großer Anteilnahme der Bevölkerung ausgerichtet haben. Dies war auch immer eine Stärke unseres Verbandes: Öffentlichkeitsarbeit.
Zu den Aufgaben eines Verbandsgeschäftsführers gehört sicherlich auch eine gewisse Unabhängigkeit vom Arbeitgeber zu erlangen, um auch die Seite des Arbeitnehmers, hier der über 3.500 Bäcker und Bäckerinnen und Fachverkäuferinnen sowie über 500 Auszubildenden, zu berücksichtigen. Hierzu hatte ich Gelegenheit in vielen Tarifvertragsverhandlungen mit der Gewerkschaft NGG. Diese verliefen immer in angenehmer Atmosphäre, und wir kamen bis zum heutigen Tage ohne Streikandrohung oder gar Streik zu einem Konsens.
Da ich vor den 3 saarländischen Arbeitsgerichten, natürlich als Arbeitgebervertreter, zahlreiche Klagen der Arbeitnehmer auszufechten hatte, kann ich nach 30 Jahren schon feststellen, dass die Arbeitsgerichte tendenziell arbeitnehmerfreundlich urteilen. Dies hat meine Tätigkeit nicht einfacherer gemacht; trotzdem war sie aus meiner Sicht, und dies können sicherlich viele bestätigen, von Erfolg geprägt.
Im Vorfeld wurden in Tausenden von Anrufen sowohl von Arbeitgeberseite als auch von Arbeitnehmerseite Arbeitsrechtsfragen behandelt, die dann möglicherweise Prozesse verhindert haben.
Ich kann mit Fug und Recht sagen, dass ich auch vielen Arbeitnehmern zu einer Stelle im saarländischen Bäckerhandwerk verholfen habe. Ich denke hier besonders auch an ein Sonderprogramm von 1984 bis 1987 von dem damaligen Bundeskanzler, Dr. Helmut Kohl, und seiner Bildungsministerin Dorothee Willms. Hier haben wir in Zusammenarbeit mit den Arbeitsämtern Saarbrücken, Saarlouis und Neunkirchen 60 jungen Damen und Herren zu einer Stelle in unserem Handwerk verholfen.
Ich übergebe die Landesinnung wie den Bäckerinnungsverband in einem wohl bestellten Haus; die Finanzlage ist sowohl bei der Innung wie auch beim Verband wohl geordnet.
Ich glaube fest an die Zukunft unseres Verbandes wie auch der Landesinnung, denn die Sorgen der Bäcker – dass hat mich meine Erfahrung gelehrt – werden nicht kleiner, sondern größer; wenngleich auch die Zahl der selbständigen, saarländischen Bäckereien weiter abschmelzen wird. Die Konkurrenz der Supermärkte, vornehmlich Aldi und Lidl, werden dafür sorgen.
Ich verlasse die Brücke dieses Schiffes ungern – es war mein Leben! Mit viel Herzblut habe ich zu jeder gewünschten Tageszeit zur Verfügung gestanden, stolz bin ich darauf, nicht einen einzigen Tag gefehlt zu haben.
Ich danke all denen, die mich bei meiner Arbeit unterstützt haben und mit denen ich zusammen arbeiten durfte. Nach 30 Jahren sieht man nur Positives – ich bin dankbar für diese Zeit und für diese wunderschöne Aufgabe!
Meiner Nachfolgerin, Frau RAin Sabine Hensler, wünsche ich eine glückliche Hand bei der Bewältigung ihrer gewiss vielen Aufgaben und das dazu notwendige Durchhaltevermögen! Gerne stehe ich ihr weiterhin mit Rat und Tat zur Seite!“
Gerd Wohlschlegel,
Saarbrücken im April 2010
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