Blickpunkte
Bäcker Egon und die Ökologen
Neulich fragte die Frau Lehrerin von der Schillerstraße, ob Sie denn auch Bio-Kuchen haben könne: „Ich habe am Mittwoch meine Wellness-Yoga-Gruppe zum Kaffee eingeladen und da muss ich auf jeden Fall etwas ganz Gesundes auftischen,“ erklärte sie Margot, der besten Meisterfrau von allen. Von wegen der Chemie in unserer Nahrung und vom Weißmehl sterben ja sogar die Ratten, hat man doch festgestellt. „Gesund, aber trotzdem lecker, halt zum Genießen - können Sie das nicht ausnahmsweise für mich machen?“ Margot runzelte die Stirn, so mit Honig anstelle von Zucker, dachte sie bei sich, das kriegt der Egon schon hin, der Frau Lehrerin bloß keine Blöße zeigen: „Ja aber selbstverständlich, wir erfüllen doch jeden Wunsch“, antwortete sie prompt selbstbewusst.
Als der Egon am Abend den Bestellzettel liest, fällt ihm fast die Kinnlade runter: Vier Bio-Nussecken, drei Bio-Bienenstich und acht Bio-Berliner - obendrein eine halbe Bio-Mokkakremtorte - der verwendete Kaffee sollte, wenn's geht, auch fair gehandelt sein. Zur Rede gestellt, konterte Margot: „Du brüstest dich doch sonst immer damit, dass wir als Fachgeschäft alle Sonderwünsche erfüllen können, jetzt musst du halt mal Bio backen.“ „Ja aber wir sind nicht zertifiziert und wie soll ich denn überhaupt die Zutaten … “ Egon winkte ab und lenkte resigniert ein.
Als er tags drauf an der Kasse vom Bio-Supermarkt vier Bio Nussecken, drei Bio Bienenstich und acht Bio-Berliner bezahlte, musste er die verblüffte Kassiererin gleich auch über moderne Strategien der Marktbeobachtung und Konkurrenzanalyse aufklären - mit hochrotem Kopf, erzählt man sich.
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