Prisma

Auch den Zusammenhalt im Visier

Bäckerinnung Freiberg: Das jährliche Vogelschießen fördert das Wir-Gefühl


Frauenstein/Nassau (ps). „Das war ein Meisterschuss!“ Der Jubel ist groß, Beifall brandet auf, die Schützenschwestern und –brüder klopfen Bäckermeister Thomas Schmieder anerkennend auf die Schultern. Der Jungmeister hatte soeben die Armbrust abgefeuert und mit dem Bolzen das letzte Stück des Holzadlers vom Mast geholt. Erstmals darf der junge Mann jetzt für ein Jahr den Titel „Schützenkönig“ der Bäckerinnung Freiberg tragen und muss diese Ehrenbezeichnung abschließend teuer bezahlen: Zum Ende der „Regentschaft“ darf seine Majestät in Jahresfrist das traditionelle Schützenfrühstück für die Teilnehmer an der nächsten Auflage des Vogelschießens ausrichten. „Das ist aber halb so wild, denn schließlich habe ich ja jetzt 365 Tage Zeit, dafür zu arbeiten und zu sparen“, freute sich der erfolgreiche Schütze über seine Treffsicherheit.

Und Edelgard Thiel, die bei den Frauen 2006 bereits zum dritten Mal Schützenkönigin geworden war, machte Jungmeister Schmieder zudem Mut: „Mich hat das Schützenfrühstück, das ich bislang zweimal bezahlt habe, zwar etwas ärmer gemacht, jedoch nicht an den Bettelstab gebracht“, flachste die Seniorin und verriet natürlich das Geheimrezept für ihren bereits dritten Triumph nach 2003 und einem Sieg zu DDR-Zeiten. „Wir Bäckerschützen müssen wegen der täglichen Anstrengung in der Backstube und am Verkaufstresen ohne Doping und Trainingslager auskommen – und deshalb ist das Geheimnis meines erneuten Sieges ganz einfach: treffen!“

Die Geselligkeit wird gepflegt

Zum diesjährigen Vogelschießen am Gasthof Nassau – ein Ortsteil des erzgebirgischen Frauenstein – kamen immerhin 45 Akteure. „Dabei zählt unsere Bäckerinnung Freiberg aktuell nur noch 30 Mitglieder“, freut sich Obermeister Frank Klemm über die tolle Resonanz. „Vor allem viele Altmeister und auch Ehefrauen nutzten die Gelegenheit, bei diesem Zusammentreffen alte Kollegen wiederzutreffen, aus dem Alltag auszubrechen und in der Freizeit ein paar Stunden mit ihren Ehemännern zu verbringen oder die Geselligkeit zu pflegen.“

Das Vogelschießen gehört bei den Freiberger Bäckern bereits seit mehreren Jahrzehnten zum festen Bestandteil des kulturellen Lebens und des Zusammenhalts in der Berufsorganisation. Gerne „opfern“ die Kollegen dafür einen Sonntag, treffen sich bereits zum Schützenfrühstück, haben bei den Wettkämpfen mit Armbrust und Holzadlern viel Spaß und freuen sich auf die Preise, die nach dem gemeinsamen Mittagessen entsprechend den abgeschossenen Trophäen verteilt werden.

„Verantwortlich“ nicht nur für diesen kulturellen Höhepunkt im Freiberger Innungsleben ist Bäckermeister Lothar Schmieder. „Ich kann aber nichts dafür, dass dieses Jahr mein Sohn gewonnen hat“, hebt er gleich abwehrend die Hände. Der 50-jährige Organisator ist seit über zwölf Jahren als Kulturobmann ehrenamtlich im Innungsvorstand tätig und versucht, die Innung auch außerhalb der obligatorischen Versammlungen zusammenzuhalten. „Das ist angesichts der wirtschaftlich schwierigen Zeiten, in denen jeder Meister verständlicherweise zunächst an die Arbeit und seinen Betrieb denkt, sehr schwierig und mit einem hohen zeitlichen Aufwand verbunden. Doch gerade jetzt ist es um so wichtiger, dass die Handwerksmeister sich in der Innung organisieren und zusammenhalten, um gemeinsam für die eigenen Interessen einzutreten, denn nur gemeinsam sind wir stark.“

Um sich dieser Stärke in der Innung und auch in der Bäckerfamilien des Landes- und Zentralverbandes bewusst zu sein, das eigene Selbstbewusstsein zu stärken und das Zusammengehörigkeitsgefühl zu (er)leben, bedürfe es nach Meinung von Obermeister Frank Klemm über das Jahr auch einiger kultureller Eckpunkte, die gemeinsam begangen werden.

Neben dem Vogelschießen stehen auf dem Jahreskulturplan der Freiberger Bäckerinnung unter anderem die Jahresendveranstaltung, zu der meist schon Anfang November vor dem eigentlichen Weihnachtsgeschäft eingeladen wird, und natürlich die beliebten Ausfahrten in europäische Städte, die mit der Besichtigung von Bäckereien und Verkaufseinrichtungen natürlich auch dem Erfahrungsaustausch und der eigenen Weiterbildung dienen.

Nachdem die Freiberger Bäcker in den vergangenen Jahren unter anderem in Paris, Wien und Amsterdam zu Besuch waren, soll die Reise 2007 nach Hamburg gehen, um bewusst einmal auch wieder die deutsche (Back-)Kultur zu genießen.


Artikel vom 30.11.2006
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