Blickpunkte

„Chili con pan“ – Brot als Retter in der Not

Brot kann Aromen und Gewürze nicht nur transportieren, es brilliert mit „starken Partnern“ beim Essen als harmonische Einheit


Von Walter Boesch

Da sitze ich beim Italiener und studiere die Speisekarte. Ich will was „Kleines“ essen. Raffiniert gekocht, leicht bekömmlich und rund gewürzt. Also beschäftige ich mich mit der Rubrik Pasta.

Da schnappe ich vom Nebentisch die Bestellung auf: Einmal Spaghetti alla Rabiata. Die Servicefachangestellte sagte süffisant: Die sind dann aber wirklich scharf. Ihre rollenden Augen unterstrichen die Aussage eindrücklich. Der Gast ließ sich nicht beeindrucken und meinte cool: Für mich kann es nie scharf genug sein. Eine mutige Aussage, wie ich meine.

Ich selbst entschied mich für Penne Napolitana mit milder Schärfe. Ich kannte ja die Vorliebe des Küchenchefs Giuseppe für seinen großzügigen Einsatz von Chili (Schoten). Nun harre ich der Dinge, respektive der Spaghetti, die da kommen. Und die kommen nach zwanzig Minuten, frisch und al dente gekocht. Einmal Spaghetti alla Rabiata, heiß und scharf. Die Spaghetti waren wunderbar angerichtet, Basilikum inklusive.

Die roten, fein geschnittenen Chilistreifen korrespondierten wunderbar mit dem weißen, großrandigen italienischen Pastateller

Der Gast stopfte die Serviette auf Krawattenknopfhöhe in das Hemd und bewaffnete sich mit Gabel und Löffel. Er drehte routiniert die Spaghetti im Löffel und biss zu. Nach wenigen Sekunden die Reaktion.

Einem stöhnenden, langgezogenen Oh, folgte ein Art hecheln, die Zungenspitze an der frischen Luft. Die Augen trieften. Der arme Mann wollte sich tapfer geben, es nützte nichts. Er griff zum Mineralwasser um das „Feuer“ zu löschen. Das war definitiv der falsche Ansatz. Das Brennen verstärkt sich noch. Logisch, der Scharfmacher Capsaicin ist nicht „wasserlöslich“. Ich weiß, von was ich spreche. Ich erbarmte mich des armen Mannes und meinte zu ihm: „Neutralisieren Sie mit einem Stück Brot, die einzige wirksame Waffe gegen Chilibrand.“

Brot ist eben mehr als nur ein Grundnahrungsmittel und Essensbegleiter. Der universale Einsatz und die vielschichtige Wirksamkeit sind unbestritten und fast unbegrenzt.

Vor einigen Jahren haben wir mit Chili im Brot experimentiert, eine Symbiose gesucht, gefunden und erfolgreich lanciert. Brot kann Aromen und Gewürze nicht nur transportieren, vielmehr ist es eine geradezu ideale Kombination mit „starken Partnern“, welche als harmonische Einheit brilliert. Chili ist, korrekt dosiert, eine Oase der Schärfe. Sie verfügt über ein Stück Sinnlichkeit, welche neue Geschmackshorizonte eröffnet, verstärkt und verbindet. Mein Tipp: Chiligerichte sollten, ja müssen immer von Brot begleitet werden.


Artikel vom 27.01.2010
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